Rucksackboot

In einer Bierlaune kam den Bewohnern des Übernachtungsheims und deren Betreuer, W. Bolzhauser, die Idee, einen Katamaran zu bauen, einen Rucksack darauf zu setzen, mit diesem Gefährt nach Bonn zu fahren, um dort gegen Wohnungslosigkeit zu demonstrieren. Was anfangs nur eine verrückte Idee war, konkretisierte sich schnell. Unter den Bewohnern befand sich ein gelernter Bootsbauer, der eine Art Plan zusammenbrachte, wie denn so ein Kahn aussehen könnte.

Freiwillige Mitarbeiter gab es auch. Keiner hatte viel Ahnung, aber guter Wille und Einsatzbereitschaft waren reichlich vorhanden. Im Frühjahr 1991 wurde der Kahn auf Kiel gelegt. Wie durch ein Wunder fanden sich Leute, welche das Projekt förderten. Von der kleinen Spende der Bürgerinnen und Bürger bis zur großzügigen Unterstützung durch Einrichtungen und Firmen gab es reichlich Hilfe. Was niemand für möglich gehalten hatte, wurde wahr. Im Sommer 1991 schwamm der Kahn tatsächlich auf dem Neckar. Den Beamten des Schifffahrtsamtes traf fast der Schlag, als er das Gefährt zum ersten Mal sah.

Die Mängelliste war lang und schrecklich. Mit mühsamer Arbeit und viel Improvisation wurde das Boot in letzter Minute abnahmefähig gemacht. Pünktlich zum geplanten Termin stach das Gefährt unter großer Anteilnahme der Bevölkerung am Samstag, dem 22. Juni 1991, fünf vor zwölf, in den Fluss. Sogar das ARD hatte eine Jacht gechartert, um die Reise zu verfolgen. Am Ufer staunten die Spaziergänger, als sie einen Katamaran mit Rucksack sahen. Das hatte es noch nicht gegeben. Die Spötter, die den Bootsuntergang spätestens bis Heilbronn vorhergesagt hatten, wurden leiser. Auf dem friedlichen Neckar gab es auch nur kleinere technische Probleme, hauptsächlich deshalb, weil die Amateurkonstrukteure nicht gewusst hatten, wie Schraube und Motor für so ein Gefährt zu dimensionieren waren. Auf dem Rhein mit seinen Wellen wurde es schon kritischer. Vor den Felsen der Loreley musste die Jacht des ZDF rettend eingreifen, sonst wäre es wirklich zum Schiffbruch gekommen.

Nachdem alle Abenteuer der Seefahrt glücklich überstanden waren, war der Empfang in Bonn eher kläglich. Aus »Sicherheitsgründen« wurde das Anlegen vor dem Parlament verboten. Von den Politikern, die Ihr Erscheinen zugesagt hatten, kam trotz Fernsehen gerade mal einer. Die Reise endete im Mühlheimer Hafen von Köln. Auch den Rücktransport - teils per Frachter, teils aus eigener Kraft - bewältigte der Kahn ohne Beschädigungen.

Vorläufige Ruhe fand das Boot beim Berberdorf, dem Aufnahmehaus der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart, Fachberatungsstelle Esslingen. Der Bericht des ZDF, ursprünglich für 20:00 Uhr geplant, fiel dem Interview mit Honecker zum Opfer und wurde erst zu nachtschlafender Zeit gebracht. Beim Projekt Treibgut wurde das Boot wieder aktiviert. Auf einem Parksee in Nellingen bei Esslingen diente es als Bühne für eine Theateraufführung. Das Ende des Kahns war unrühmlich. Einem Tiefbauunternehmen war das Teil an seiner Lagerstätte im Berberdorf von Esslingen im Weg. Der Bagger machte kurzen Prozess. Reste sind noch heute zu besichtigen.

Übrig geblieben ist die Resonanz der Esslinger Bevölkerung und das Erlebnis der Akteure. Sie haben mit ihrer Arbeit etwas geschaffen.

Auch das ist ein Stück Kultur am Rande.